Eine frühere Weiterbildungsteilnehmerin schrieb mir, dass sie gerade mit einem Kind mit Migräne arbeitet. Ihre Frage war: Kannst du mir da was Spezielles dazu raten? Hier meine, etwas überarbeitete Antwort:
Vorweg: Beim Focusing steht im Mittelpunkt: ich, mit mir, in der Situation, in der ich mich befinde und mein Thema. Wenn ich Glück habe oder gut für mich sorgen kann, dann kommt noch ein*e Begleiter*in dazu. Schmerz ist für mich zuerst einmal so etwas wie ein Thema, so wie andere Krankheitssymptome (Schwindel, Übelkeit …) auch. Von daher würde ich erst einmal vorgehen, wie bei jedem Thema. Wie immer lade ich ein, ob es möglich ist, dem Thema (Schmerz) etwas Gesellschaft zu leisten, ohne Absicht, ohne Druck.
Gendlin selbst (Gendlin, 1996, S.106) schreibt über den Schmerz, dass er zwar etwas körperlich Wahrnehmbares ist, mit dem man auch gut arbeiten kann. Aber es ist kein Felt Sense Der kann sich aber durch die Beschäftigung mit dem Schmerz einstellen. Der Schmerz ist nach seiner Erfahrung eher peripher, der Felt Sense wird aber meist in der Körpermitte gefunden. So wählt er das Beispiel von Schulterschmerzen, denen er zuerst einmal eine Stimme verleiht. Dadurch wird es möglich, die Qualität der Schulterschmerzen in der Körpermitte zu erleben.
Auch Ann Weiser Cornell beschäftigt sich in dem Buch „The Power of Focusing“ (Weiser-Cornell) mit dem achtsamen Begleiten von schwierigen Körperempfindungen und Schmerzen. Und auch deutsche Autoren wie Susanne Kersig, Beate Ringwelski und Daniel Bärlocher haben sich mit Focusing und Schmerz befasst.
Wichtig ist es immer, Schmerz mit der sog. Centerline zu verbinden. Centerline kann man kurz als die Mittellinie durch den Körper beschreiben, die Kopf, Herz und Bauch verbindet. D.h. es geht darum, den Schmerz Richtung Körpermitte hin zu verbinden und dann einen Felt Sense entstehen zu lassen. Bei Kopfweh hilft das Bild, den Schmerz allmählich heruntersinken zu lassen in Richtung Körpermitte. (Bei Zahnschmerzen finde ich das ziemlich am schwierigsten). Hinweisen möchte ich auch noch auf die Übung des guten Ortes im Körper. Hier kann ja als Einladung auch gesagt werden: „Wenn der ganze Körper Schmerzen hat, wo ist der Ort, wo die Schmerzen am wenigsten laut sind?“
Bei Migräne ist zu bedenken, dass hier auch ein genetisch bedingter Anteil eine Rolle spielt. Diese Erkrankung tritt familiär gehäuft auf. Allerdings gibt es gerade hierzu bereits Studien, die belegen, dass eine Kombination aus verschiedenen Methoden, u.a. Achtsamkeit deutlich helfen. Wie viel mehr kann daher Focusing hilfreich sein, hierzu habe ich allerdings keine Studien gefunden. Wie bei allen Symptomen ist es leichter mit ihnen zu arbeiten, wenn sie noch nicht in voller Stärke da sind. Je früher ich darauf höre, was das Symptom mir sagen will, umso leichter ist es, Antworten zu erhalten. Das gilt z.B. auch bei allergischem Geschehen.
Wer nach gesprochenen Anleitungen zum Thema Schmerz sucht, der findet bei den Plätzchen für die Seele zwei davon:
Auf ein Bilderbuch ganz speziell zur Anfrage "Kinder und Kopfschmerzen" möchte ich hinweisen: Corina Leibig und Charlie Gaul haben es verfasst und es heißt: Das kleine Kopfweh.
Eine nicht vollständige Liste von Fachliteratur zum Thema Focusing und Schmerz:
Bärlocher, D. (2001). Schmerzen lindern mit Focusing: Neue Wege in der Kopfschmerztherapie. Freiburg: Arbor Verlag. (Focusing)
Cornell, A. W. (2005). Die Kunst des Annehmens: Leben und Arbeiten mit Focusing. Freiburg: Arbor Verlag. (Focusing)
Feuerstein, H.-J., Müller, D., & Weiser Cornell, A. (Hrsg.). (2007). Focusing im Prozess. Köln: GwG-Verlag. (Focusing)
Gendlin, E. T. (1998). Focusing: Selbsthilfe bei der Lösung persönlicher Probleme. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt. (Bücher.de)
Gendlin, E. T., & Wiltschko, J. (2007). Focusing in der Praxis: Eine schulenübergreifende Methode für Psychotherapie und Alltag. Stuttgart: Klett-Cotta. (Lehmanns)
Kersig, S. (2021). Im Dialog mit dem Körper: Mit Focusing und Achtsamkeit die Selbstheilungskräfte aktivieren. Freiburg: Arbor Verlag. (Lehmanns)
Renn, K. (2006). Dein Körper sagt dir, wer du werden kannst: Einführung in das Focusing. Freiburg: Herder. (Wikipedia)
Renn, K. (2023): Magische Momente der Veränderung.
Zillessen, A. (2012), Wenn Physiotherapeuten mit Focusing arbeiten. Focusing Journal Nr 29
Wie immer seid ihr, liebe Leser:innen eingeladen, weitere Hinweise auf Literatur oder andere Ressourcen zum Thema über die Kommentarfunktion hinzuzufügen.

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