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Der Focusing-Blog

Rassismuskritische Psychotherapie! Ein Thema für Focusing?

 Blumenwiese Albrecht Fietz auf Pixabay

Ein Beitrag von  Annette Krings

 

Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort.

Dort treffen wir uns.

Rumi

  1. Einleitung

Als ich dieses Zitat las, musste ich spontan an Focusing denken. Focusing ist für mich eine Möglichkeit mit einem Wissen in mir in Kontakt zu kommen, das jenseits von richtig und falsch liegt und das mir ermöglicht Erlebensräume in mir zu finden, die erfüllt sind von etwas „Echtem und Authentischem“. Entsprechend erlebe ich dies auch in der Begleitung von anderen Menschen mit Focusing.

Aber wie ist dieses „Echte und Authentische“ gerahmt, wodurch ist es geprägt? Gene Gendlin geht davon aus, dass ein focusingspezifischer Achtsamkeitsraum jederzeit in Wandlung ist und immer kontextabhängig. In diesen Kontext spielen auch gesellschaftliche Strukturen und Machtverhältnisse mit hinein. Diese sind vielfältig und können sich auf verschiedenste Benachteiligungsstrukturen, beispielsweise aufgrund von Religion, Geschlecht, geschlechtlicher Identität, sexueller Orientierung, Herkunft und Behinderung beziehen. Im Folgenden werde ich mich auf (alltags-)rassistische Dimensionen von Diskriminierung beziehen, da jede Hierarchisierung ihre eigene Formung und Funktion hat und alle zu beschreiben, den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde.

Die These dieser Arbeit lautet, dass ein spezifisches Wissen um gesellschaftliche Strukturen, um Diskriminierung der Einen und die damit verbundene Privilegierung der Anderen für weiße Berater*innen und Therapeut*innen hilfreich und notwendig ist um eigene, unbewusste Rassismen zu erkennen/ zu vermeiden und Schwarzen Klient*innen in der therapeutischen Beziehung eine Möglichkeit zu bieten, mehr an rassistischen Erfahrungen kommunizierbar zu machen[1]. Ich schreibe diese Arbeit aus einer weißen Perspektive mit dem Wunsch, zu einer rassismussensiblen beratenden und therapeutischen Praxis beizutragen.

Die Psychologin Dileta Fernandes Sequeira hat 2015 ein Kompendium unter dem Titel „Gefangen in der Gesellschaft. Alltagsrassismus in Deutschland“ veröffentlicht. Sie beschreibt darin die traumatisierenden Folgen (alltags-)rassistischer Gewalt für BIPoC[2], die Auswirkungen auf die psychische Gesundheit haben und in erheblichem Maße die Selbstregulation beeinflussen können, gerade weil BIPoC dieser Struktur nicht entkommen können. Sie entwickelt Lösungsansätze, die die Ermächtigung der Betroffenen und  gesellschaftliche Veränderungen gleichermaßen beinhalten.

Rassismus wird darin nicht allein als zwischenmenschliches Phänomen betrachtet. Rassismus hört demnach nicht auf, wenn ich nett zu meinen Schwarzen Nachbarn bin, Rassismus ist auch kein Unterschichtsproblem, sondern ist ein strukturelles und zwischenmenschliches Phänomen, das die Weißen/die Guten und die BIPoC/Schwarzen/die Schlechten und Privilegien sowie Benachteiligungen erschafft [3].

Die Psychologie (und andere Fächer des Bildungswesen) basieren auf Kenntnissen, die durch weiße Konstrukte erfasst worden sind und auf einem weißen Selbst- und Weltbild beruhen. Auch die Wahrnehmung braucht einen Musterabgleich und einen Deutungsrahmen und in unserer Gesellschaft ist diese durch eine Sicht bestimmt, die der Dominanzgesellschaft[4] entspricht und somit einer weißen Norm entspricht.

Folgendes Beispiel zeigt, wie früh diese Mechanismen wirksam werden: „Zwei Kinder, ein weißes Kind und ein POC-MMM-Schwarzes Kind haben die Wahl zwischen einer weißen und einer schwarzen Puppe. Beide wollen die weiße Puppe, weil sie angeblich „besser“ ist“[5].

Im Rahmen dieser Arbeit kann ich bestimmte Themen nur streifen, wichtig ist mir zu verdeutlichen, welche Strukturen wirken in denen, die der „weißen Mehrheitsgesellschaft“ angehören als auch in denen, die aufgrund ihrer kulturellen Herkunft und/oder Hautfarbe als nicht dazu gehörig definiert werden und somit von Rassismus betroffen sind.

 

2. Rassismuskritische Beratung und Therapie? Was ist damit gemeint?

Menschen, die von Rassismus betroffen sind, erleben diesen durch Personen, auf die sie im Alltag angewiesen sind, sei es in der Schule, in der Arztpraxis, in Vereinen etc.. Sie können sich diesem Rassismus nicht entziehen, auch nicht im Rahmen psychologischer Institutionen, in denen sie nach Hilfe suchen. Eine rassismuskritische therapeutische Praxis braucht eigene Haltungen im Umgang mit diskriminierenden Strukturen und individuellen Rassismuserfahrungen.

Dazu ist es notwendig, dass weiße Psychotherapeut*innen ihre eigene Positionierung in der Gesellschaft sowie die eigene Privilegierung reflektieren. Ohne es zwangsläufig zu wollen, sind weiße Psychotherapeut*innen Teil der Mehrheitsgesellschaft und ihre Wahrnehmungen/ Deutungen eines therapeutischen Prozesses z.B. in Guiding-Schritten sind geprägt durch diese Sicht.

Gleichzeitig können auch „gutgemeinte“ Äußerungen für Betroffene von Rassismus eine Situation schaffen, die einen vertrauensvolle therapeutische Atmosphäre erschweren oder verhindern. Um dies zu verdeutlichen wird es im Folgenden um Strukturen gehen, die vermutlich weiße Menschen zum Großteil nicht als problematisch einstufen.

 

3. Rassistische Phänomene im Alltag

„Du sprichst aber gut deutsch“ oder „Woher kommst Du“?

Unter sogenannten Mikroaggressionen werden kurze, alltägliche, auch gut gemeinte Äußerungen verstanden, die an die andere Person abwertende Botschaften senden, welche sich auf deren Gruppenzugehörigkeit beziehen. Der Begriff wurde bereits in den 1970er Jahren von dem Sozialpsychologen Chester Pierce geprägt, um winzige, von Betroffenen als abwertend empfundene Äußerungen zu bezeichnen[6].

Die Zeit-Journalistin Vanessa Vu beschreibt ihr Gefühl in Bezug auf eine Mikroaggression über die Wo-kommst-du-her-Frage so:

"Man kann sich das wie Nadelstiche vorstellen: Ein Pikser verletzt kaum, aber alle paar Tage gestochen zu werden, macht die Haut wund. Und niemand bringt Salbe. Niemand entschuldigt sich. Niemand fragt, was er oder sie für mich tun kann. Die Leute beschweren sich stattdessen über meinen Schmerz, etikettieren ihn als Diskursunfähigkeit und reden darüber, wie sie es gemeint haben."[7]

Typisch für Mikroaggressionen ist eben auch, dass die die Ausübenden meist mit Abwehr reagieren, wenn sich Betroffene kritisch dazu äußern. Schnell werden solcherlei Äußerungen als Empfindlichkeiten abgetan oder durch Rechtfertigungen beschnitten:

‚Ach, Hautfarben spielen für mich keine Rolle. Die sind mir völlig egal‘.

Für die Person, die das sagt, ist das nur deshalb kein Problem, weil sie selbst als weißer Mensch quasi keine Hautfarbe hat. Weiß ist die Norm. Diese Norm ist weißen Menschen so selbstverständlich, dass es einer aktiven Auseinandersetzung mit dem eigenen Weiß-Sein bedarf und die Bereitschaft BIPoC zuzuhören und ihre Wahrnehmung ernstzunehmen.

Othering

Mikroaggressionen haben oft einen Prozess des sogenannten Othering zur Folge.

Othering (von englisch other = anders) bezeichnet die Distanzierung von einer Gruppe, deren Eigenschaften, Bedürfnisse und Fähigkeiten als besonders hervorgehoben werden. Unabhängig davon, ob die in den Mittelpunkt gerückten Eigenschaften positiv oder negativ gewertet werden, werden sie als abweichend von der Norm interpretiert und die der Gruppe zugehörigen Personen damit ausgegrenzt. Meist wird die andere Gruppe im Vergleich aber abgewertet und durch diese Abwertung das eigene positive Selbstbild erzeugt: Um die eigene Gruppenidentität zu bilden, zu stärken und als Norm zu bestätigen, braucht es die Abgrenzung von der anderen Gruppe.

Dabei wird die Gruppe als Einheit wahrgenommen und als Ganze beispielsweise für die Handlungen einzelner Personen verantwortlich gemacht. Der Begriff „Othering“ wird im Deutschen manchmal mit „VerAnderung“ oder „Fremd-Machung“ übersetzt.

Ein Beispiel: BIPoCs erleben häufig die Frage „Kommst du aus Afrika? Oder die Äußerung „Afrikaner tanzen so toll“. Auch wenn damit vermeintlich positive Eigenschaften gemeint sind, wird damit ein Exotismus konstruiert und die betroffenen Personen als nicht dazugehörig zur „eigenen“ Gruppe definiert und der Individualität beraubt.

Typisch für den Prozess des Otherings ist auch folgendes Erlebnis eines Jungen, dessen Mutter und Großmutter die deutsche Staatsangehörigkeit haben und dessen Großvater Afroamerikaner ist: Lehrer*innen fragen ihn immer wieder nach Afrika, obwohl es für ihn aktuell keine direkte Verbindung dorthin gibt.[8]

 

4. Was heißt das für Focusing?

Auch wenn Focusing durch Absichtslosigkeit geprägt ist, sind wir eingebunden in hierarchische gesellschaftliche Machtstrukturen. Im Folgenden möchte ich mich auf drei Aspekte konzentrieren, die meines Erachtens wesentlich sind, um im Sinne einer rassismuskritischen Psychotherapie Klient*innen zu begleiten.

4.1. Eigene Rolle und Werte reflektieren in der Begleitung von BIPoCs

An dieser Stelle möchte ich Sie einladen zu einem kleinen Experiment. Stellen Sie sich vor, Sie werden von einer BIPoC oder einer weißen Person mit einem rassistischen Verhalten konfrontiert. Kreieren Sie eine Situation, die Ihrem Alltag entspricht. Es kann sein, dass eine BIPoC-Klient*in Sie damit konfrontiert, dass er/sie Begriffe, die Sie verwenden wie „schwarz sehen“ oder „schwarz fahren in der Straßenbahn“ als Rassismus im Alltag wahrnimmt. Es können auch Bemerkungen über „Kopftuchmädchen“ sein, die Sie ohne bewusste diskriminierende Absicht geäußert haben. Entscheiden Sie sich für eine Situation und gestalten Sie sie innerlich für sich aus. Sie werden mit einer Aussage zu Rassismus konfrontiert, vielleicht sogar von einer aufgebrachten Person, die genervt ist und ungehalten. Vielleicht taucht auch jetzt schon eine innere Stimme auf, die sagt, das ist ja wohl nicht rassistisch. Wenn ja, suchen Sie einen passenden Ort für diese Stimme und versuchen Sie sich auf die beschriebene Situation einzulassen.

Wenn Sie eine für Sie stimmige Situation gefunden und ausgestaltest haben, lade ich Sie ein dieses „Alles“, das meint dieses Thema/ diese Situation mit allem was an Erfahrungen, Gefühlen, Vergangenem und Zukünftigem dazugehört, nach innen Richtung Brust/Bauchraum zu geben und einen Moment damit zu verweilen, bis sich ein Felt Sense herausbildet. Lassen Sie sich ruhig einen Moment oder auch länger Zeit, bis Sie eine körperliche Resonanz wahrnehmen können. Während diesem Verweilen mit dem Felt Sense tauchen vielleicht Symbolisierungen in Form von Worten, Gefühlen, Bewegungen oder Ähnlichem auf.

Vielleicht erscheinen Gefühle wie Wut, Schuld, Ohnmacht, Hilflosigkeit, Kränkung, Dankbarkeit, Bereicherung, Verteidigungs- und Rechtfertigungsdrang.

An diesem Punkt ließe sich weiter mit diesem Thema arbeiten, mir war es an diesem Punkt vor allem wichtig, innere Dynamiken, die mit dem Thema zusammenhängen können  zu erspüren und sich darin etwas besser kennen zu lernen. Wir sind uns oft dessen nicht bewusst und sind in den seltensten Fällen dazu aufgerufen uns mit diesen Dynamiken auseinanderzusetzen. Die Dominanzgesellschaft schafft einen Rahmen, der die Wahrnehmung und Realität der Mehrheit bzw. derer, die über die Definitionsmacht verfügen, als selbstverständlich bestimmt.

Für die Gesamtheit von Gefühlen und Reaktionen weißer Menschen, die mit ihrem Rassismus konfrontiert werden und auf bestimmte, oft abwehrende Weise darauf reagieren hat sich der Begriff der „White fragility“[9] (auf deutsch: weiße Fragilität oder weiße Zerbrechlichkeit) entwickelt. Die Grundthese dieses Konzepts lautet: Alle weißen Menschen sind rassistisch sozialisiert und haben aufgrund von Diskriminierung von BIPoCs Privilegien. Alle reproduzieren Rassismen.

Gefühle von Unwohlsein, Scham, Verleugnung und auch Wut sind komplex und in gewisser Weise und unter Miteinbezug der rassistischen und kolonialistischen Machtstrukturen, in denen wir uns zwangsläufig bewegen, nachvollziehbar. Es geht nicht darum, diese Gefühle nicht zu haben, sondern innezuhalten, diese Gefühle anzuerkennen, ernst zu nehmen und verstehen zu lernen. Erst so kann eine persönliche Veränderung stattfinden.

Das netzaktivistische Kollektiv „Wirmuesstenmalreden“ empfiehlt im Hinblick auf Veränderung sich folgende Fragen zu stellen:

„Wie sind Klient*innen, die BIPoC sind, von Rassismus betroffen?

Inwieweit sind sie von meinen reproduzierten Rassismen betroffen?[10]

Diese Fragen können unterschiedlichste Aspekte in einer Focusingsitzung mit einbeziehen, angefangen bei auftauchenden Symbolisierungen, die ich verbalisiere, beim Guiding, Responding bis hin zur Reflexion der Raumgestaltung, welche Skulpturen und Bilder sind zu sehen, welche Botschaft wird damit transportiert, welche Wirkung könnte diese auf BIPoC haben?

4.2. Mögliche Folgen rassistischer Strukturen für BIPoC

Im Folgenden möchte ich exemplarisch einige mögliche Folgen für BIPoC beschreiben, die durch das Erleben (alltags-)rassistischer gesellschaftlicher Strukturen entstehen können. Dieses Wissen ist für weiße Therapeutinnen wesentlich um Dynamiken verstehen zu können und in einen machtkritischen Kontext zu stellen, gleichzeitig sollte immer die Selbstdefinition der von Rassismus betroffenen Menschen an erster Stelle stehen.

4.2.1. Internalized Oppression

In seiner Biografie „Gottes Geschenk für Afrika“ berichtet Nelson Rolihlahla Mandela, wie er 1961 erschrak, als er in Äthiopien zum ersten Mal in ein Flugzeug stieg, das von einem Schwarzen Piloten gesteuert wurde[11]. Dieses Phänomen wird auch als verinnerlichter Rassismus bezeichnet und geht auf Karen Pyke zurück: „all systems of inequality are maintained and reproduced, in part, through their internalization by the oppressed."[12]

4.2.2.Individualität als Privileg 

Die Autorin Vinda Gouma, eine Juristin aus Syrien, die mit ihrer Familie flüchten musste, erzählt: „Ich habe durch den Krieg Freunde und Verwandte, Wohnung, Job und meine Heimat verloren, aber einen Verlust, den ich erst später gespürt habe, ist meine Individualität, die ich am Schlauchboot an den Grenzen Europas zurückgelassen habe“[13].

Kübra Gümüsay beschreibt zugespitzt diesen Verlust der Individualität, den sie, als sichtbare Muslimin immer wieder erlebt: „Wenn sie bei Rot über die Ampel geht, wird sie nicht als Individuum wahrgenommen, sondern sie sieht in den Blicken nichtmuslimischer Menschen 1,9 Milliarden Muslim*innen, die bei Rot über die Straße gehen“.

Dieser permanente Druck der Inspektion durch Andere, der Mehrheitsgesellschaft Angehörenden, die Annahmen/Meinungen über „die Flüchtlinge, die Muslime“  darf nicht unterschätzt werden und kann für manche Menschen einen krankmachender Faktor darstellen. Angesichts des Andauerns dieser Strukturen braucht jede von Rassismus betroffene Person einen individuellen Weg für sich, mit diesen Strukturen umzugehen, dagegen zu kämpfen.

Wesentlich als weiße therapeutische Begleitung ist jedoch das Wissen um diese gesellschaftliche Strukturen, damit Erfahrungen von BIPoC nicht individualisiert werden, sondern als Rassismuserfahrung von weißen Berater*innen und Therapeut*nnen identifiziert werden können. Und BIPoC somit in ihren Erfahrungen ernst genommen werden.

5. Handlungsmöglichkeiten

Stephanie Cuff-Schöttle, Dipl.-Psychologin und systemische Beraterin, weist in ihrem Onlineartikel „rassismussensibel und empathisch“ darauf hin, dass in der internationalen Forschung rassismusinduzierter Stress seit über zwei Jahrzehnten untersucht wird. Die Studien zeigen, dass dieser Stress Folgen für die körperliche und mentale Gesundheit hat. So erhalten BIPoC z.B. unzureichende Schmerzmedikation[14], was nicht zwangsläufig bedeutet, dass medizinisches Personal nicht-weiße Menschen leiden sehen will, sondern dass sie diese Schmerzen seltener erkennen, weil sie von früh an gelernt haben, dass BIPoC weniger Schmerzen empfinden[15].

Die eine oder andere weiße Person wird beim Lesen denken, das kann doch nicht sein, nicht im Jahr 2022, fragt man jedoch BIPoC werden viele dies bestätigen.

Es ist notwendig, das Ausmaß der Auswirkungen von Rassismuserfahrungen zu erkennen und Forderungen und sie als Kriterium im Rahmen der Diagnostik von Traumafolgestörungen anzuerkennen. Nach wie vor sind Erscheinungsformen und Auswirkungen von Rassismuserfahrungen auf Körper und Psyche weder Teil der Ausbildung von Medizer*innen noch von Psycholog*innen und Sozialpädag*innen. Dies ist dringend notwendig.

Neben Netzwerken wie Black in Medicine oder dem Bundesfachnetz Gesundheit und Rassismus gibt es die Initiative DE_CONSTRUCT, die zu gerechter psychosozialer und gesundheitlicher Versorgung einen Beitrag leisten will und den genannten Fachgruppen in Zukunft Weiterbildungsangebote zu rassismuskritischem und -sensiblem Arbeiten anbieten wird.

„Wenn wir echte Veränderung anstreben wollen, kommen wir um zwei Sachen nicht herum: aktives und empathisches Zuhören und ein Verstehen unserer eigenen Positionen in dem Thema“[16], so bringt es Stephanie Cuff-Schöttle auf den Punkt.

Im Einzelnen bedeutet dies Sensibilität für die Funktionen und Wirkweisen von Diskriminierung zu entwickeln, das Reflektieren der eigenen Position als Beratende sowie eine diskriminierungssensible Gestaltung des eigenen therapeutischen Settings[17].

 

6. Schlussbetrachtungen

Gene Gendlin hat auf die Bedeutung und die Macht theoretischer Konzepte hingewiesen: „Die Landkarte, die ich benutze bestimmt mit, in welcher Landschaft ich mich bewege“[18].

Diese Überlegungen lassen sich auch auf das Thema dieser Arbeit übertragen: Sobald wir als weiße Beratende*/Therapeut*innen beginnen unsere eigene Position und unsere Privilegien zu verstehen, sobald wir Rassismus in seinen unterschiedlichen Erscheinungsformen aus einer intersektionalen Perspektive anerkennen, und unsere Handlungsmöglichkeiten nutzen, sind erste Schritte getan und diese können notwendige strukturelle Veränderungen nach sich ziehen.

Geschrieben von Annette Krings, 22.2.2022

 

7. Literatur

Netzaktivistisches Kollektiv „Wirmuesstenmalreden“ (2020), Dear Discrimination.

floria moghini blog

Gümüsay, Kübra (2020), Sprache und Sein.

Roig, Emilia (2021), Why we matter. Das Ende der Untersrückung.

Sequeira, Dileta Fernandes (2015), Gefangen in der Gesellschaft. Alltagsrassismus in Deutschland. Rassismuskritisches Denken und Handeln in der Psychologie.

Renn, Klaus (2016), Magische Momente der Veränderung.

www.einguterplan.de/rassismussensibelundempathisch

www.spiegel.de/Nelson Mandela„Gottes Geschenk für Südafrika“

www.thoughtco.com/what-is-racism-2834955

www.wikipedia.org/wiki/Mikroaggression

 

[1]Weiß und Schwarz beschreiben keine biologische Eigenschaft wie die Hauptpigmentierung, sondern Privilegien bzw. Diskriminierungen aufgrund gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Um dies im Sinne einer diskriminierungssensiblen Sprache deutlich zu machen, wird weiß kursiv gesetzt und Schwarz mit großem Anfangsbuchstaben geschrieben.

[2]BIPoC (Black, indigenous and people of colour) ist eine Selbstbezeichnung von Menschen, die von Rassismus betroffen sind. Andere Selbstbezeichnungen sind wie oben erwähnt „Schwarze“ als politischer Begriff und MMM (Menschen mit Migrationshintergrund). Dabei handelt sich um Menschen mit und ohne deutsche Staatsangehörigkeit, um Menschen, die in der 4. Generation in Deutschland leben, aber immer noch als Nicht-Deutsche wahrgenommen werden oder auch um Menschen, die erst kürzlich nach Deutschland migriert sind.

[3]vgl. Sequeira 2015, S. 35

[4]Der Begriff der Dominanzgesellschaft geht auf die Psychologin und Sozialarbeiterin Birgit Rommelspacher zurück. Er versucht das Zusammenleben unter mehrdimensionalen, vielschichtigen Macht- und Herrschaftsbedingungen zu umschreiben.

[5]vgl. Sequeira 2015, S. 43

[6]vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Mikroaggression, eingesehen am 23.3.2021

[7]floria moghini blog, eingesehen am 23.3.2021

[8]vgl. Gümüsay, Kübra 2020, S. 63

[9]  Dear Discrimination 2020, S.62

[10]Dear Discrimination 2020, S.61

[11]vgl. spiegel.de Nelson Mandela „Gottes Geschenk für Südafrika“, eingesehen am 4.3.21

[12]https://www.thoughtco.com/what-is-racism-2834955, eingesehen am 18.3.2021

[13]vgl. Gümüsay, Kübra 2020, S. 65

[14]Emilia Roig 2021, S.290

[15]vgl. Emilia Roig 2021, S.291

[16] www.einguterplan.de/rassismussensibelundempathisch, einges. am 23.9.2021

[17] www.einguterplan.de/rassismussensibelundempathisch, einges. am 23.9.2021

[18]Klaus Renn 2016, S.18

 

 

 


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