Über das freie Spiel in der Focusingtherapie mit Kindern
Kinder sind auf besondere Art und Weise im gegenwärtigen Erleben des Augenblicks verankert. Diese besondere Art und Weise ist dafür geschaffen, die Innen- und Außenwelt, das innere und das äußere Erleben, zu einem „neuen“ Ganzen zu verknüpfen – und das geschieht im Spiel. Die Kindertherapeutin Dorothea Weinberg beschreibt, dass im Spiel eine „zweite Realität“ geschaffen wird, indem die Phantasie die Alltagsrealität gestaltend durchdringt. Ihre besondere Wirksamkeit gewinnt diese „zweite Realität“ durch das Handeln des Kindes und die Gestaltung der Realität. Das Spiel ist also mehr als Fiktion; es eröffnet dem Kind einen Möglichkeitsraum, innerhalb dessen es sich ein Verständnis für die Welt und das Tun der Erwachsenen erschließen sowie all seine Bedürfnisse, Wünsche und Pläne stellvertretend befriedigen kann. „Was dem kleinen Menschen von innen heraus wichtig ist, das projiziert er aktiv in seine Welt hinein und formt sie dadurch“ (Weinberg, 2005, S. 148).
In meiner Haltung als focusing-orientierte Spieltherapeutin liegt grundsätzlich die Einladung an das Kind, sein inneres Erleben in unserer gemeinsamen Situation zum Ausdruck zu bringen, also zu symbolisieren. Alle nur denkbaren Modalitäten im Ausdruck kommen dabei in Frage: Kreativer Ausdruck, spontane Bewegungsimpulse und z.B. präverbale Ausdrucksweisen wie Töne, Geräusche oder Summen. Und eben auch der Spielflow eines Kindes. Diese mitunter magisch anmutende Transformation ermöglicht es dem Kind, mich direkt und ohne einen Umweg über Worte, die es wahrscheinlich ohnehin nicht hätte, an seinem Erleben teilhaben zu lassen. In der gemeinsamen therapeutischen Situation mit ihrer „zweiten Realität“ des Spiels kreiert sich zwischen uns und um uns herum ein gemeinsamer Raum, der auf besondere Weise eng mit dem inneren Raum, der „inneren Bühne“ des Kindes verwoben ist. Aspekte des inneren Erlebens werden vom Kind oder von Therapeutin und Kind auf dieser Bühne verkörpert und dadurch sichtbar, hörbar und fühlbar.
Mal angenommen, im Erleben des Kindes gäbe es verletzte, ängstliche Aspekte sowie harte und fordernde Aspekte, so würde das Kind im freien Spiel vielleicht mir die Rolle eines schwachen Kindes zuweisen und selbst die Rolle einer strafenden Lehrerin einnehmen. Nun haben wir zwei symbolisierte Erlebensganzheiten aus der inneren Welt des Kindes im Raum. Und nicht nur das, jede von uns verkörpert eine dieser Erlebensganzheiten! Die beiden können nun interagieren, miteinander in Beziehung treten, eine gemeinsame Situation entfalten … und das Kind führt Regie. Ähnlich wie in der Focusing-Teilpersonenarbeit mit Erwachsenen ist es nun meine therapeutische Aufgabe, den sich entfaltenden Prozess, die Interaktion zwischen den Beteiligten zu moderieren. Dabei haben wir mindestens vier „Personen“ an Bord: Die beiden Protagonisten im Spiel, also z.B. ängstliches Kind und strenge Lehrerin, sowie das Kind und ich als leibhaftige Personen im Hier und Jetzt. Auf welcher Ebene wir uns dabei bewegen – auf der Beziehungsebene zwischen uns beiden, in der „zweiten Realität“ des Spiels oder komplett mit der Spielrolle identifiziert[1] – und wie oft wir die Ebenen wechseln, ergibt sich durch die Dynamik im gemeinsam geteilten gegenwärtigen Erleben. Dabei kann es darum gehen, über längere Zeit die zugewiesene Rolle zu verkörpern und den Spielflow nicht zu stören. Wenn ich jedoch meine Rolle in der „zweiten Realität“ verlasse und das Kind als leibhaftiges Gegenüber anspreche, so bedarf es dazu der gleichen Klarheit wie in der Moderation einer Teilpersonenarbeit mit Erwachsenen.
Voraussetzung für all das ist meine stetige innere Arbeit als Therapeutin entlang der Frage, welcher nächste Schritt den Prozess des Kindes weitertragen könnte. Dann können die therapeutischen Interventionen aus meinem Felt Sense zur jeweils aktuellen Situation als Responding entstehen.
Fallbeispiel:
Paul[2] ist 8 Jahre alt und kommt seit 2 Monaten wöchentlich zur Therapie, weil er in der Schule und bei den Hausaufgaben beharrlich die Mitarbeit verweigert. Er lebt in einer Pflegefamilie, weil seine Mutter eine schwere psychische Erkrankung hat, die lange unentdeckt geblieben war. Paul berichtet, dass sie ihn geschlagen und schwer bestraft hat, wenn er sich nicht nach ihren Vorstellungen verhalten hat. Er kommentiert: „Ich will das am liebsten vergessen, aber es geht nicht. Es ist immer in meinem Kopf.“ Im Spiel fällt ihm ein: „Ich bin jetzt dein Kind und kriege immer so Anfälle. 12 Monate bin ich.“ Er gibt sich einen Namen, Jonny. Seine „Anfälle“ bestehen darin, dass er auf mich, im Spiel seine Mutter, körperlich losgeht. Dann wieder wälzt er sich schreiend auf dem Boden, ruft in Babystimme nach mir: „Mama!“ Ich berühre ihn, spreche beruhigend mit Spiel-Erwachsenenstimme zu ihm. Er legt kurz den Kopf in meinen Schoß. Dann greift er mich erneut an, erklärt dabei: „Jonny hat wieder einen Anfall!“ Wir ringen. Und ich betreibe Eigenschutz, indem ich ihn bremse: „Du kannst mich nur im Spiel beißen, nicht in echt!“ Er lässt sich gut darauf ein, wenngleich er irritiert wirkt über diese Trennung der Ebenen. Er fordert mich auf: „Du musst stärker sein als ich!“ Ich halte seine Arme fest, frage ihn in der Mutter-Rolle: „Armer Jonny, mein lieber Junge, seit wann hast du solche schlimmen Anfälle?“ Er antwortet: „Seit ich von dir getrennt wurde.“ Ich sage: „Ja, das war eine schlimme Zeit für dich. Ich konnte dich nicht beruhigen, konnte nicht für dich sorgen. Ich war einfach nicht stark genug dafür.“ Paul hält inne, sagt dann ruhig: „Jetzt habe ich keine Anfälle mehr.“ Er geht zum Sofa, legt sich darauf, ruft mich zu sich, schaut mich an und sagt noch einmal: „Mama, ich habe keine Anfälle mehr. Und ich kann jetzt auch reden!“
In dieser anspruchsvollen, äußerst dynamischen Interaktion habe ich mich als Therapeutin sehr gefordert gefühlt und war mit vielen Dingen gleichzeitig beschäftigt; zum Beispiel damit, von einem wilden, tobenden Kind nicht gebissen zu werden. Was mir Orientierung und damit Freiraum verschafft hat, war meine Hypothese, die Situation als Ausdruck der inneren Bühne von Paul zu verstehen: Da gibt es etwas in ihm, das ist so unglaublich wütend auf die Mutter, dass er auf sie losgehen möchte. Im realen Leben ist das nicht möglich, ohne seine Situation noch schlimmer zu machen. In der „zweiten Realität“ des Spiels, die durch meine Präsenz eine sichere bzw. gesicherte Realität ist, kann er sich das leisten und diesem Bedürfnis Raum geben, ohne dass jemand zu Schaden kommt. Ich als Spiel-Mutter werde von Paul aufgefordert, ihn zu überwältigen. Darin liegt vielleicht (meine Vermutung) die Erwartung, dass ich mich verhalten werde wie seine Mutter – und gleichzeitig ein Wunsch nach Halt („du musst stärker sein als ich“). Im Mitfühlen mit diesem tief verletzten Kind spüre ich zunächst einmal genau, was ich nicht tun möchte: Das, was seine reale Mutter aufgrund ihrer Erkrankung getan hat. Ich halte seine Arme zwar fest, aber nur so, dass er mir nicht wehtun kann. Während ich mit Paul ringe, taucht in mir die Frage auf: Was hätte es damals gebraucht? Indem ich diese Frage in mir wirken lasse, entstehen die Worte, die ich als Spiel-Mutter dann spreche. An Pauls Reaktion ist erkennbar, dass sie ihn erreichen. Ein kleiner, inniger Moment gemeinsam geteilten gegenwärtigen Erlebens ergibt sich daraus.
Danach ist für eine Weile alles anders auf Pauls Bühne. Gerne würde ich ihn fragen, wie er da so auf dem Sofa liegt: „Und wie ist es denn jetzt in dir, nachdem du das alles hier so erlebt hast?“ Aber auf diese Art Fragen bekomme ich nie eine Antwort von ihm. So begnüge ich mich damit, ihm – kurz – mitzuteilen, was ich wahrnehme: „Du bist jetzt ganz ruhig geworden. Ich glaube, es hat Jonny gut getan, dass seine Mutter so mit ihm gesprochen hat.“ Auch darauf antwortet er nicht, sondern bleibt einfach einen Moment gedankenverloren liegen. Bis er sein übliches Aktivitätsniveau wieder aufnimmt und ein neues Spiel beginnt …
Ich hätte ihm in dieser ruhigen Situation auf dem Sofa noch mitteilen können, wie es gerade in meinem Körper aussieht – wie sich mein Atem und mein Herzschlag gerade beruhigen und mein Herz ganz warm wird.
Es sollte noch viele weitere wilde Jahre dauern, bis ich mit Paul wenigstens in Ansätzen über das sprechen konnte, was ihm mit seiner Mutter so alles passiert ist. Kürzlich redeten wir darüber, wie es ihm ging, als er die ersten Male zu mir kam. Inzwischen 18jährig kommentierte er verwundert: „Da habe ich gedacht, ich spiele einfach irgendwas. Jetzt kapiere ich, dass ich genau nachgespielt habe, was mit meiner Mutter gewesen ist.“ In dieser Aussage scheint mir genau der Unterschied zwischen dem kindlichen und dem erwachsenen Erleben aufzuscheinen, der auch in der Focusing-Arbeit einen Unterschied macht: Das Kind ist in seinem ganzheitlichen gegenwärtigen Erleben. Die erwachsene Person ist aus dem unmittelbaren Erleben des gegenwärtigen Augenblicks „herausgewachsen“. Sie kann, wenn es gut läuft, von außen darauf schauen und sich mittels Focusing auch wieder hineinbegeben.
Fazit
So anstrengend eine Spieltherapie sein kann, so wunderbar ist sie auch – eine großartige und einzigartige Möglichkeit, an der verletzten Welt eines Kindes mitfühlend und behutsam gestaltend Anteil zu nehmen und kostbare Augenblicke gemeinsamen gegenwärtigen Erlebens entstehen zu lassen. Das Kind, das aufgrund seiner ständig vorhandenen natürlichen Verbindung zu seinem inneren Erleben sehr viel schutzloser und verletzlicher ist, als wir uns das üblicherweise klarmachen, profitiert unmittelbar davon, wenn ich als seine Therapeutin mich mit meinem eigenen gegenwärtigen inneren Erleben verbinde. Die Synchronisierung zwischen uns ist dann erleichtert, weil wir uns in einem ähnlichen Ausgangszustand befinden. Die Techniken des Focusing habe ich dabei und kann sie „on demand“[3] ins Spiel einfließen lassen. Die Basis jedoch ist die lebendige Beziehung zu mir selbst und zum Kind, sowie mein Vertrauen in unseren gemeinsamen Prozess.

[1] Unter dem Modus psychischer Äquivalenz wird ein Zustand des Kindes verstanden, in dem es seine Gedanken als tatsächliche Realität erlebt. So wirkt der Gedanke, ein Krokodil sei unter dem Bett, genauso beängstigend auf das Kind, als wäre tatsächlich eines dort. Das Kind sieht also seine Gedanken im Äquivalenzmodus nicht von der Realität getrennt. (Aus dem Wikipediaeintrag zum Begriff „Mentalisierung“; Stand 01.02.2022). Im Focusing verstehen wir solche Zustände als Verlust von Freiraum, so dass die Bezugnahme nicht mehr stattfinden kann und die Person mit dem jeweiligen Erleben vollständig identifiziert ist.
[2] (Name geändert)
[3] Zorzi, H. (2021). Ausgespielt? Ein Plädoyer für das Spiel als zentrales Medium in der Kinderpsychotherapie. Psychotherapeutenjournal 3/2021, S. 223 – 228.
Bild von Gisela Merkuur auf Pixabay
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