Focusing als Zugang zu Machtverhältnissen im pädagogischen Kontext
Ein Beitrag von Nadya Homsi.
Dieser Text ist eine biografisch fundierte Fallanalyse, die anhand einer persönlichen Focusing-Übung mit dem „inneren Kind“ eine Kindheitserfahrung aus dem Kindergarten der späten 1970er Jahre aufarbeitet. Im Zentrum steht die emotionale und körperliche Verletzbarkeit eines Kindes mit Migrationsgeschichte eingebettet in eine pädagogische Umgebung ohne machtkritisches oder rassismuskritisches Bewusstsein.
Die Fallbeschreibung verknüpft innere Erlebnisräume, wie sie im Focusing sichtbar und spürbar werden, mit strukturellen Analysen zu institutioneller Macht, Sprache, Diskriminierung und verinnerlichten gesellschaftlichen Narrativen. Der Aufsatz bietet damit eine sensible und differenzierte Auseinandersetzung mit frühkindlicher Ausgrenzung, innerer Verarbeitung und der Kraft des heilsamen Perspektivwechsels.
Gleichzeitig öffnet der Text den Blick für pädagogische Verantwortung heute: Wie können Fachkräfte Kindern Schutz, Zugehörigkeit und Würde vermitteln insbesondere in Kontexten von Migration, Mehrsprachigkeit und rassismuskritischer Bildung?
Die Reflexion wird damit zur Brücke zwischen persönlicher Heilung und gesellschaftlicher Veränderung.
Ein kleiner Einblick in die Focusing-Übung mit dem inneren Kind
Ausgangspunkt: Eine Kindheitsszene im Kindergarten
Das innere Kind ist etwa vier bis fünf Jahre alt. Es erlebt wiederholt eine belastende Situation im Kindergarten: Wenn es sein Frühstück nicht vollständig aufisst, wird es zur Strafe drinnen behalten. Es darf nicht mit den anderen Kindern nach draußen spielen. Es fühlt sich ausgeschlossen, nicht verstanden und in seiner kindlichen Welt nicht ernst genommen. Auch wenn das Kind Fragen stellt, stößt es auf barsche und unverständliche Antworten.
Der gute Ort im Körper
Trotz all dieser Erfahrungen gibt es einen inneren Ort der Geborgenheit. Im Herzbereich entsteht das Bild einer schützenden Höhle eine warme, sichere Kammer, abgeschirmt vom Außen. Hier ist das Kind sicher, geborgen und gehalten. Dies wird zu einem inneren Rückzugsort im Focusing-Prozess.
Auf der Reise in den Körper - Körperliche und emotionale Grenzverletzungen
In einer Szene stürzt das Kind und bekommt keine Luft. Eine Erzieherin bringt es hinein, doch anstatt Trost zu spenden, sagt die zuständige Erzieherin: „Komm, stell dich nicht so an. Es ist nicht schlimm.“
In einer weiteren Situation wird das Kind von derselben Erzieherin gestoßen, stürzt und schlägt mit dem Kopf gegen den Türrahmen. Es bleibt kurz benommen liegen. Die Erzieherin wirkt aufgeregt, läuft hin und her doch statt auf das Kind einzugehen, packt sie es an der Schulter und sagt erneut: „Los, steh auf. Stell dich nicht so an.“
Gefühle und innere Realität des Kindes
Das Kind erlebt in diesen Momenten nicht nur körperliche, sondern auch emotionale Übergriffe. Es fühlt sich alleingelassen, verletzt, ohnmächtig. Der Schmerz ist nicht nur körperlich es ist der seelische Schmerz, nicht gesehen und nicht beschützt zu werden.
Ein tiefes Gefühl entsteht: „Ich muss meine Probleme alleine lösen.“ Aber es entsteht auch das Gefühl von Ohnmacht. Im weiteren Verlauf des Focusing-Prozesses wird auf den Schmerz geschaut er darf da sein. Zugleich zeigt sich, was das Kind gebraucht hätte.
Eltern als stille Zeugen jedoch ohne Schutzfunktion
Das Kind wendet sich nicht an seine Eltern. Es spürt Scham. Und es weiß: Die Eltern sprechen nur wenig Deutsch. Sie würden es vielleicht nicht verstehen oder könnten nichts unternehmen. Vielleicht würden sie sogar sagen: „Wir sind hier Gäste, wir müssen uns anpassen, dürfen nicht auffallen.“ Diese Haltung, möglicherweise unbewusst von den Eltern übernommen, führt zu einem noch tieferen Rückzug des Kindes. Es entsteht der Gedanke: „Ich darf niemandem zur Last fallen. Ich muss allein zurechtkommen.“
Langfristige Wirkung in der Erwachsenenwelt
Im weiteren Verlauf des Focusing-Prozesses schaut das innere Kind, wie es sich damals gefühlt hat und was es gebraucht hätte. Es zeigt sich, mit welchem Gefühl und an welcher Stelle im Körper ein angenehmes Empfinden entstehen kann.
Später im Leben, als Erwachsene, entwickelt sich daraus ein innerer Leitsatz: „Was mich nicht umhaut, macht mich nur stärker.“ Doch hinter diesem vermeintlich starken Satz steckt ein unausgesprochener Wunsch: „Ich hätte jemanden gebraucht, der für mich kämpft. Der meine Rechte schützt und mir zurück gibt.“
Ein sehnsüchtiges Bild entsteht: Eltern, die sprachlich stark sind, die sich einmischen, Grenzen setzen und das Kind beschützen. In dieses Bild hineinzuspüren und zu erleben, wie es dann gewesen wäre, fördert die Resilienz und stärkt die erwachsene Person. Zusätzlich kann daraus eine Erkenntnis entstehen.
Heutige Erkenntnis – heilsamer Perspektivwechsel
Im Focusing-Prozess kommt die erwachsene Person mit diesem inneren Kind in Kontakt. Es wird spürbar, wie sehr die eigene Geschichte auch das heutige Handeln prägt.
Die Kraftquelle heute: die eigenen Kinder. In der Geborgenheit, die heute in der eigenen Familie geschaffen wurde, liegt eine neue Stärke. Aus dem Schmerz von damals ist ein Antrieb geworden: „Ich will, dass meinen Kindern so etwas nicht passiert.“ Die heutige Haltung: „Kinder stärken. Für ihre Rechte einstehen. Ihnen das geben, was mir damals gefehlt hat.“
Macht- und Rassismuskritische Perspektive auf eine Kindergartensituation
Zwischen Innenwelt und System – Focusing als Zugang zu Machtverhältnissen im pädagogischen Kontext
Die Fallbeschreibung basiert auf einer persönlichen Erinnerung aus der Kindergartenzeit Ende der 1970er Jahre. Und doch so sehr diese Erfahrung in der Vergangenheit liegt sind ähnliche Muster auch heute noch in pädagogischen Alltagssituationen zu beobachten.
Zwar hat sich in den vergangenen Jahrzehnten vieles weiterentwickelt. Viele Kindertageseinrichtungen arbeiten heute reflektiert, professionell und kindgerecht. Machtkritische sowie rassismuskritische Perspektiven finden zunehmend Eingang in die pädagogische Praxis.
Gerade in den letzten Jahren ist eine wachsende Sensibilisierung für Diskriminierung im Kita-Alltag spürbar. So engagieren sich Einrichtungen wie die Fachstelle Kinderwelten für vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung am Institut für den Situationsansatz (ISTA) oder das Projekt KiDs – Kinder vor Diskriminierung schützen! mit gezielten Ansätzen für eine diskriminierungskritische Bildungsarbeit.
Auch aus wissenschaftlicher Perspektive wird dieses Feld zunehmend beleuchtet unter anderem durch die Forschung und Lehre von Expert*innen u.a. wie Prof. Dr. Aysun Doğmuş, Prof. Dr. Maisha Auma oder Prof. Dr. Mechtild Gomolla, die wegweisende Impulse für Theorie und Praxis setzen.
Dennoch bleiben einzelne Erfahrungen von Ausgrenzung, Ohnmacht oder emotionaler Vernachlässigung insbesondere bei Kindern mit Migrationsgeschichte/ (BIPoC)– in vielen Biografien präsent. Diese frühen Erfahrungen wirken häufig unbewusst weiter, prägen Haltungen, Selbstbilder und Handlungsmuster bis ins Erwachsenenalter.
Focusing kann dabei ein heilsamer Schlüssel sein. Als achtsame Körperwahrnehmung und innerer Dialog eröffnet Focusing einen geschützten Raum, in dem alte Gefühle, Bilder und Bedeutungen wiederauftauchen dürfen. Gerade das "innere Kind" jenes kindliche Erleben in seiner Ganzheit kann in diesem Prozess sichtbar und spürbar werden.
Was Focusing ermöglicht, ist mehr als ein Rückblick: Es ist eine liebevolle und zugleich tiefgreifende Begegnung mit sich selbst. Dabei entsteht nicht nur ein neues Verständnis für die eigene Lebensgeschichte, sondern auch für die gesellschaftlichen Strukturen, die diese mitgeprägt haben.
Im Rahmen dieses Textes lade ich Sie dazu ein, den Blick auf individuelle Erfahrungen mit dem Blick auf Machtverhältnisse, Sprache, Zugehörigkeit und Schutz im Kita-Alltag zu verbinden. Hier stellen sich Fragen wie: Wie lässt sich Diskriminierung im Rückblick erkennen, ohne eine sekundäre Viktimisierung zu erleben? Wie kann man sich einer Situation zuwenden, ohne sich dabei erneut ausgeliefert zu fühlen oder die eigene Wahrnehmung von außen in Frage gestellt zu sehen?
Focusing bietet hierfür einen Raum der intimen, persönlichen und geschützten Aushandlung. In diesem Raum kann sich zeigen, wie sich Erfahrungen im Körpergedächtnis niedergeschlagen haben und es wird möglich, diese Wunden zu würdigen, ihnen mit Mitgefühl zu begegnen und neue Kraftquellen zu entdecken.
Im nächsten Schritt richtet sich der Blick von der persönlichen Erfahrung auf die strukturelle Ebene pädagogischer Machtbeziehungen.
1. Machtverhältnisse im pädagogischen Kontext
In der beschriebenen Szene haben die pädagogischen Fachkräfte eine deutliche Machtposition gegenüber dem Kind: Die Erzieherin setzt durch, dass das Kind im Raum bleiben muss, wenn es nicht aufisst.
- Körperliche Übergriffe (Stöße, Ruck an der Schulter) sowie emotionale Abwertungen ("Stell dich nicht so an") sind Ausdruck pädagogischer Gewalt.
- Das Kind wird wiederholt nicht ernst genommen, seine Gefühle werden bagatellisiert.
➡️ Kindliche Ohnmacht trifft auf institutionelle Autorität. Das Kind hat keine Schutzinstanz innerhalb der Einrichtung, und sein Erleben wird systematisch übergangen.
Über die individuellen Machtverhältnisse hinaus wird in der Szene deutlich, dass auch strukturelle und gesellschaftliche Dimensionen insbesondere Rassismus und Migration eine zentrale Rolle spielen.
2. Rassismus im Kontext von Migrationserfahrungen
Das Kind stammt aus einer Familie mit Migrationsgeschichte, deren Eltern wenig Deutsch sprechen. Diese Tatsache spielt eine zentrale Rolle:
- Das Kind vermeidet es, die Eltern zu belasten, weil es internalisiert hat: „Wir sind hier Gäste.“ und bloß nicht „negativ“ auffallen
- Diese Formulierung verweist auf eine rassifizierende Fremdzuschreibung, die viele Migrant*innen trifft: Sie werden nicht als gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft betrachtet, sondern als „fremd“, „geduldet“, „nicht ganz zugehörig“.
- Die Eltern sind in einem sprachlichen Machtungleichgewicht. Die Erzieher*innen können sich sicher sein, dass es kaum Widerspruch geben wird – ein klassisches Machtgefälle im Kontext strukturellen Rassismus.
➡️ Sprachliche und soziale Unsicherheiten der Eltern können zum Schutzmechanismus für die Einrichtung und zur Belastung für das Kind werden.
Die im pädagogischen Alltag erfahrenen Macht- und Rassismusstrukturen spiegeln sich in der inneren Welt des Kindes wider und führen zu frühen, verinnerlichten Bewältigungsstrategien, die sein Verhalten, seine Gefühle und sein Selbstverständnis prägen
3. Verinnerlichter Rassismus und Überlebensstrategien
Das Kind übernimmt bereits im jungen Alter Narrative, die typisch für rassifizierte Gruppen sind:
- Anpassung statt Widerstand: „Ich will meine Eltern nicht belasten.“
- Verzicht auf Schutzrechte: „Ich muss das alleine regeln.“
- Verinnerlichung von Stärke als Überlebensprinzip: „Was mich nicht umhaut, macht mich stärker.“
Diese Haltung ist nicht einfach ein individueller Charakterzug, sondern eine bewältigungsorientierte Anpassung an eine Umgebung, in der das Kind keine Fürsprecher*innen hat weder im Kindergarten noch durch die Eltern, die selbst unter gesellschaftlichem Druck stehen.
➡️ Das Kind lernt früh, sich selbst zu regulieren, Konflikte zu vermeiden und Schmerzen herunterzuspielen. Dies sind typische Folgen struktureller Ungleichbehandlung und Ausgrenzung.
Die frühen Strategien des Kindes, Schmerz und Konflikte selbst zu regulieren, stehen in enger Wechselwirkung mit der mangelnden Sensibilität und Schutzstruktur der Einrichtung, die Differenz und Herkunft systematisch ignoriert.
4. Fehlende machtkritische Haltung der Institution
Der Kindergarten selbst (repräsentiert durch die Erzieherin) offenbart:
Keine Sensibilität für Diversität, Sprache oder Machtverhältnisse.
- Keine Selbstreflexion des eigenen Handelns oder des Systems.
- Keine Schutzkonzepte, um Gewalt oder Diskriminierung zu verhindern oder aufzuarbeiten.
Die wiederkehrende Abwertung des Kindes in Schmerz und Notmomenten zeigt eine Haltung, in der kindliche Bedürfnisse besonders die eines Kindes mit Migrationshintergrund nicht ernst genommen oder sogar entmenschlicht werden.
➡️ Institutionelle Ignoranz gegenüber Differenz, Herkunft und Macht führt zu systemischer Benachteiligung.
Vor dem Hintergrund der institutionellen Ignoranz wird deutlich, wie wichtig Reflexion, Selbstbegegnung und Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte sind, um aus erlebter Ohnmacht Handlungskraft und Empowerment zu entwickeln
5. Empowerment und Widerstand
Durch Focusing, Selbstreflexion und die kritische Aufarbeitung der eigenen Biografie entwickelt sich ein Bewusstsein für strukturelle Ungleichheiten und die Möglichkeiten, diese in pädagogisches Handeln und Empowerment zu übersetzen. Gleichzeitig stärkt dieser Prozess die eigene Resilienz, indem persönliche Erfahrungen von Ohnmacht und Ausgrenzung nicht nur reflektiert, sondern in konkrete Handlungsimpulse umgesetzt werden etwa durch die Unterstützung von Kindern, das Eintreten für ihre Rechte oder das Schaffen geschützter Räume.
- Die Erkenntnis „Ich hätte jemanden gebraucht, der für mich kämpft“ ist nicht nur schmerzlich, sondern auch transformativ.
- Der heutige Wunsch, Kinder zu stärken, für ihre Rechte einzutreten, und selbst Schutzraum zu bieten, ist ein Akt der Resilienz und des Empowerments.
- Eine solidarische Haltung gegenüber Kindern, die Diskriminierung erleben, wird aufgebaut.
➡️ Aus Schmerz wird Widerstandskraft. Aus Ohnmacht entsteht politische und pädagogische Handlungsmacht.
Die Reflexion eigener Erfahrungen und die daraus gewonnene Handlungskompetenz zeigen, dass nur Institutionen, die Machtverhältnisse, Diversität und Schutz konsequent berücksichtigen, Kinder wirksam unterstützen und empowern können.
Fazit: Warum das macht- und rassismuskritische Bewusstsein zentral ist
Die hier geschilderte Geschichte ist ein Beispiel aus einer biografischen Begebenheit, das exemplarisch zeigt, wie Kinder mit Migrationsgeschichte häufig sprachlich, kulturell und emotional in institutionellen Räumen unsichtbar, ungeschützt und abgewertet werden. Solche Erfahrungen verdeutlichen, wie wichtig ein macht- und rassismuskritisches Bewusstsein in pädagogischen Einrichtungen ist.
Es braucht:
- Rassismuskritische Bildung für pädagogische Fachkräfte
- Selbstreflexion von Fachkräften
- Sensibilisierung für Machtmissbrauch in frühkindlichen Einrichtungen
- Strukturelle Schutzkonzepte
- Anerkennung von Mehrsprachigkeit und Elternvielfalt als Ressource
- Elternarbeit
- Empowermentarbeit mit Kindern
Kinder dürfen niemals das Gefühl bekommen, dass sie schweigen müssen oder dass sie wegen ihrer Herkunft weniger wert sind und sich zurücknehmen oder verstecken sollten.
Gerade in Familien, die neu zugewandert sind, ist es wichtig, dass auch die Eltern spüren: Sie sind nicht „nur Gäste“, sondern vollwertige Mitglieder dieser Gesellschaft mit Würde, Rechten und dem Anspruch auf Schutz. Nur wenn diese Haltung gelebt und vermittelt wird, können Kinder mit Selbstvertrauen, Sichtbarkeit und innerer Sicherheit aufwachsen.

Beitragsbild erstellt mit ChatGPT am 31.10.2025
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